„Der Geruch liegt mir noch heute in der Nase“

Enio Mancini erinnert sich an eines der schlimmsten Verbrechen der NS-Zeit

Die Flüchtlinge aus Süditalien hielten Sant’Anna di Stazzema 1944 für einen sicheren Ort. Grüne Wiesen, eine raue Berglandschaft mit klarer Luft. Doch die Idylle war trügerisch: Wehrmachts-Soldaten ermordeten in dem Dorf in der Hoch-Versilia 560 wehrlose Zivilisten. Frauen, Kinder. Erst jetzt stehen einige der Mörder vor Gericht. Weil in Rom ein „Schrank der Schande“ geöffnet wurde. Und weil einer überlebte, der nicht vergessen kann.

Gedenken aus Stein: Dieses Mahnmal erinnert an die 560 Opfer des Massakers von 1944.
Es ist dunkel über Sant’Anna. Ein grauer Schleier aus dichten Wolken zieht über das Bergdorf in der Versilia. Das Auto poltert bei der Fahrt dorthin durch Schlaglöcher. Der Regen prasselt. Ein kleiner Bus quält sich die steile Straße hinauf. Er ist leer. Rechts liegt eine Mine. Sie ist abgesperrt, verriegelt, verfallen. Ein Baum hängt in der Stromleitung. Da fällt der Blick auf das zwölf Meter hohe Mahnmal auf der Bergspitze. Erinnerung an ein Massaker, das manche noch heute sprachlos macht. Am 12. August 1944 vernichteten Wehrmachtssoldaten und Angehörige der 16. Panzerdivision der SS ein ganzes Dorf, ermordeten 560 Menschen. Es war eines der größten Verbrechen an der italienischen Zivilbevölkerung. Sant’Anna hatte 1944 etwa 400 Einwohner. Da sich Menschen aus Süditalien in die nur schwer zugängliche Streusiedlung geflohen hatten, hielten sich aber fast 1500 Menschen dort auf.

Heute hat Sant’Anna 24 Einwohner. Gegenüber vom kleinen Dorfplatz liegt die Kirche. Im Innenraum hängt eine Tafel mit den Namen der Opfer. „5 anni, 7 anni, 3 anni“, sagt eine Frau zu ihrem Mann, als sie die Spalte mit dem Alter der Opfer entdeckt. Ihre Stimme bebt. 100 Kinder unter 14 Jahren sind aufgelistet. Ein Gedenkstein erinnert an neun Priester, die mit ihrer Gemeinde gestorben sind. Einen hat die Kirche zum „Märtyrer“ erklärt. Don Innocenzo Lazzeri sagte zu seinem Vater, dass er nicht mit ihm fliehen wolle, da er die Menschen in dieser Situation nicht allein lassen könne. Der Vater floh, Don Innocenzo blieb. Und starb. Punkt 6.30 Uhr begann der Überfall auf das Dorf. Von vier Seiten kamen die Deutschen, trieben die Bewohner aus ihren Häusern. Angeblich sollten Partisanen, also Widerstandskämpfer, aufgerieben werden. Doch dieser Wahnsinn galt allen. Drei Stunden lang wurden Menschen wurden systematisch vernichtet: erschossen, erschlagen, von Flammenwerfern verbrannt, von Handgranaten zerfetzt. „Dort haben sich Szenen abgespielt, die kaum zu beschreiben sind“, sagt Enio Mancini. Der 67-Jährige leitet das Museum der „Resistenza in der Toskana“ ein paar Meter über der Kirche. Davor wehen drei Flaggen im Wind: die italienische, die europäische, die deutsche. Sogar. Seit Mancini in Rente ist, leistet er Erinnerungsarbeit, ehrenamtlich. Mit der Zeit hat er gelernt, seine Erlebnisse anderen mitzuteilen. „Ich habe eine gute und viele grausame Erinnerungen, wenn ich an jenen Tage zurück denke. Der Soldat, der mich und meine Familie erschießen sollte, sah plötzlich nach links und rechts sah. Vielleicht schaute er, ob jemand in der Nähe war, vielleicht ein Offizier. Dann machte er eine Handbewegung, dass wir verschwinden sollten. Dann schoss er in die Luft.“ Enio war am 12. August 1944 sieben Jahre alt. „Der junge deutsche Soldat war vielleicht 20. Höchstens.“ Sein Bild ist Enio Mancini positiv in Erinnerung geblieben. Doch damit hört das Gute auch schon auf. Stunden später wurde ihm die Dimension des Grauens bewusst: „Alles stank nach verbrannten Leichen. Diesen Geruch habe ich noch heute in der Nase“.

Die Mörder kamen um 6.52 Uhr: Diese kleine Uhr blieb in der Minute stehen, in der sich die Panzerdivision über das Dorf hermachte.
Mittlerweile hat sich im Museum sich eine spontane Führung ergeben. Mancini erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie mein Vater sagte: ‚Wir Männer hauen ab. Euch Frauen und Kinder euch wird schon nichts passieren. Schmeißt alles auf die Straße, damit sie nicht das Haus anzünden!’.“ Es kam anders. „Sie haben sogar das Vieh getötet“, sagt Enio. In der Vitrine des Museums liegen alte Geldscheine, sie sind dunkelbraun. „Das ist getrocknetes Blut.“ Eine Uhr liegt daneben: „Sie ist stehen geblieben, kurz nachdem das Massaker begann.“ Um 6.52 Uhr. An den Wänden hängen die Bilder einiger Überlebenden, neben ihnen steht ihre Geschichte geschrieben. „Die meisten können nicht über das Ereignis sprechen. Viele sind sogar daran zerbrochen. Man muss sich darüber bewusst sein, dass manche ihre komplette Familie tot, verbrannt auf der Straße auffanden. 70 Witwer haben alles verloren.“ Einige der Mörder scheinen sich in einen regelrechten Blutrausch gesteigert zu haben. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mann einem Kind in die Augen sehen kann und es dann umbringt. Einige Opfer wurden sogar gepfählt. Einer Frau schnitten sie den Fötus aus dem Bauch und erschossen ihn vor ihren Augen.“ Was offiziell als Aktion gegen Partisanen deklariert war, gipfelte in der Ausrottung eines ganzen Dorfes. Enio stellt sich bis heute eine Frage: „Warum?“

Die Besucher, die um die Vitrine herumstehen und zuhören, schütteln den Kopf. Die Gesichter zeigen, dass sie mit solchen Taten nicht gerechnet hatten, als sie das Museum betraten. Einige haben die Augen aufgerissen, andere senken den Kopf und blicken tief in die Vitrine. Andere schütteln den Kopf.

Im Angesicht des Grauens: In sieben Skulpturen verarbeitete der Künstler Harry Marinsky seine Eindrücke vom Massaker in Sant’Anna. Die Kunstwerke sind im Museum ausgestellt.
Von Enios Familie lebt heute niemand mehr in Sant’Anna. 1963 sind alle nach Pietrasanta an die Küste gezogen, da es in Sant’Anna keine Perspektive mehr gab. Nach Schule und Wehrdienst fing Enio in der Mine als Buchhalter an. Täglich kurvt er im Auto die zehn Kilometer zum Museum hoch. „Im letzten Frühling haben uns 5000 Schüler besucht.“ Bei einer Filmdokumentation fing plötzlich eine Schülerin zu weinen an: „Sie sagte sie weine, weil ihre Mutter Deutsche sei.“ Das hat Enio Mancini tief bewegt. Und auch das: „Vor ungefähr acht Jahren kam ein Paar ins Dorf. Beide waren Deutsche, die Frau sprach etwas Italienisch. Ich hatte den Eindruck, dass er etwas suchte oder den Ort kannte. Die Frau verriet mir dann auch, dass der Mann während des Zweiten Weltkrieges bei der SS in der Versilia stationiert gewesen war. In Sant’Anna sei er angeblich aber nie gewesen. Als ich ihn später mit einer Karte auf dem Platz gegenüber der Kirche gesehen habe, und er die Umgebung mit der Karte verglich. Später wollte mir seine Frau Geld geben, mit dem ich Blumen für die Gedenkstätte kaufen sollte. Das konnte ich aber nicht annehmen. Im Gegenteil: Mir lief ein Schauer über den Rücken.“

Ansonsten habe sich der Umgang mit Deutschen im Museum „normalisiert“. „Anfangs war es schwierig, wenn Deutsche in das Museum kamen. Doch mit den Jahren sind wir sind die Gefühle der Vernunft gewichen. Ich habe gemerkt, dass wir durch Euro und EU zu einem Volk zusammengewachsen sind, und hoffe, dass sich solche Taten niemals wiederholen werden. Das ist meine Aufgabe hier, und es ist die Aufgabe jedes jungen Europäers.“
Draußen hat der Regen nachgelassen. Das Denkmal leuchtet heller, aber die Namen der Opfer bleiben im Schatten. Über Sant’Anna klart der Himmel auf.

Dieser Text erschien ursprünglich in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, vom Presseverein Ruhr (DJV) und dem Journalistenkreis Recklinghausen.

Fotos © smartissimo
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