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Hupend und krakeelend

Eine Satire über den Straßenverkehr in Neapel zu schreiben, ist schlicht nicht möglich. Ich habe mir überlegt, vielleicht könnte es so gelingen, dass ein Neapolitaner nach Deutschland verschlagen wird und dort Auto fahren muss. Also umgekehrt. Oder nach Dänemark. Aber auch das ist nicht satirisch. Ich meine nicht, dass er in Dänemark fahren müsste. Da ist es auch nicht lustig, denn die Dänen fahren noch langweiliger als wir.

Foto by Carmelo Speltino licensed under CC BY-SA 2.0

Hierzulande also, im guten Deutschland. Nur, was ist daran satirisch, dass ein Neapolitaner hier tatsächlich vor einer roten Ampel warten müsste (er würde es tun, spätestens, nachdem ihn die Polizei zum dritten Mal geahndet hätte, täte er es nicht). Oder dass er auf einer zweispurigen Straße nicht eine dritte oder – sofern das physikalisch einem sozusagen unteilbaren Fahrzeug möglich wäre – vierte Spur einnähme. Oder dass er nicht hupte. Was ganz und gar unvorstellbar ist, eigentlich, denn ein Neapolitaner, der nicht hupt, muss seiner Hupe amputiert sein. Diesen leidenschaftlichen Menschen ist eine solche Vorrichtung schon eingebaut, noch bevor sie gezeugt wurden. Aber auch das ist nicht satirisch, das ist nur die laute(re) Wahrheit. Die noch lautere. Eine Satire über den neapolitischen Straßenverkehr würde eine bierernste Angelegenheit werden, sofern man ihn, den Verkehr, als Deutscher betrachtet. Oder als Däne. Quasi. Denn die Geregeltheit, die wir – also die Deutschen oder Dänen – dem Vorgang Straßenverkehr überstülpen, die wir – obrigkeitsgläubig, wie wir sind (die Dänen nicht) – als gottgegeben, richtig und unumstößlich akzeptieren, diese Geregeltheit fiele unter dem Vesuv geradezu in die Rubrik unlauterer Wettbewerb (sic!). Denn Straßenverkehr ist Krieg. Krieg ist laut, ein Wettkampf der Körperbeherrschung, ein Wettkampf darum, wer auf seinem überfrisierten bzw. steinzeitlichen Motorroller ohnhändig mit dem Handy (dem telefonino, sorry) telefonierend in der einen, der aktuellen Tageszeitung in der anderen Hand, mehr als drei Autos und zwei überfüllte Busse gleichzeitig umkurven kann. Im Straßenverkehr befindet man sich nicht zum Vergnügen, sondern um mit Vergnügen Straßenverkehr zu spielen: Ohne einen selbst geht es nicht. Wer nicht Roller oder Auto fährt, gleichzeitig mit allen anderen, findet nicht statt, existiert nicht. Quasi. Ich rase rasant Roller, also bin ich. Was andernorts der Düsenjet, ist in Neapel die Düsenvespa. Deswegen heißt sie ja auch so. Was wieder nicht satirisch ist.

Mir gelingt es nicht, vom Ernst der Sache wegzukommen, denn die chaotische Eleganz des dortigen Straßengeschehens, einer Stadt, in der einen selbst die Polizisten über eine rote Ampel scheuchen – diese selbstgefällige Art, im lauten Durcheinander jederzeit den Überblick und noch viel mehr jederzeit das charmante Miteinander auszuüben (nein, nie üben, da darf man nicht üben), dieser unverschämte, rücksichtslose und allerweltsfreundliche Konsens des nie nachlassenden „Mach­Platz,­wenn­du­dir­nicht­selbst­Platz­erzwingen­kannst“, diese rüde, rücksichtsvolle, bekloppte, hochmotivierte Art, sich durchzuschleusen, diese Art spiegelt viel zu ernst das Leben in Neapel wider. Das Leben ist die Straße, während man in Deutschland immer nur hofft, lebend über die Straße zu kommen. Trotz aller Regelungen. Oder gerade deswegen. Mit anderen Worten: Einer zu schreibenden Satire steht die Satirigkeit des deutschen Straßenverkehrs geradezu lähmend, beleidigend und abwürgend ins Gesicht geschrieben. Nicht der neapolitanische, der hiesige Verkehr verlangt nach einer Abrechnung. Aber um den soll es ja ausgerechnet nicht gehen. Was wiederum schwierig ist, denn den einen ohne den anderen Verkehr zu schildern, geht ja gar nicht. Das Chaos an sich – dargestellt in Neapel, wie auf einer Bühne – ist ja nur als Chaos verständlich, wenn man ihm Ordnung entgegenstellt. Das ist aber langweilig und typisch, denn was anderes als Ordnung fiele einem Deutschen genau zu diesem Thema ein? Das kann keine Satire werden, denn aus Gründen lebenslanger Erziehung und Ordentlichkeit über vermeintliches Chaos herzuziehen, ist spießig und oberlehrerhaft und eitel. So. Wie aber soll sich ein Leser, der nie in Kampanien war, das dortige Straßenleben vorstellen, wenn man ihm nicht sagte, dass es andernorts auf der Welt eben ganz anders ist? Wie soll man ihm klar machen, dass die Strafen in Italien, wenn sie denn wegen Sündhaftigkeit im Verkehr ausgesprochen würden, härter wären als hierzulande? Ohne immerzu in den deutschmichelhaften Komplex des Vergleichens abzugleiten? Wie soll man daraus eine Satire machen? Eine Satire ist eine ziemlich ernste Angelegenheit, aber sie hält mit dem Ernst neapolitanischer Szenerie nicht mit. Manchmal überholt die Realität das Geschriebene, und dann wird’s keine Satire, sondern ein Gebet oder so. Und das ist so sehr langweilig, dass wir wieder am Anfang sind. Wer in Neapel früh morgens aus dem Haus geht, macht vorm Hausaltar ein Kreuzzeichen und überlässt sich den Widrigkeiten des Alltages. Man muss in den engen Gassen damit rechnen, von einem herabstürzenden Korb erschlagen, von einem fliegenden Messer erstochen (stimmt nicht, ich wollte nur ein Mal das Klischee bedienen), von einem Hund angefallen oder von einer maroden, einstürzenden Hauswand erdrückt zu werden – nicht a­ber, kaum, wenn vielleicht ganz selten, im Verkehr umzukommen. Es gibt keine Regeln, also kann niemand sie brechen; wer vom Auto überfahren wird, ist selber Schuld. Quasi. Jede Beule im Fiat stammt nicht ursächlich von knatternden, irren Rollerfahrern oder noch irrereren Motorradrasern, sondern daher, dass man – selbst Schuld – sein Fahrzeug gegen dieselben drückte. Sozusagen das Auge auf die Faust. Und da das alle so sehen (sage ich jetzt mal so), gibt´s keine Kläger noch Richter (sage ich jetzt auch mal so, obwohl Neapel einen Justizpalast hat). Zumindest keine Verkehrs­richter (darf ich auch noch behaupten).

Dennoch muss man neidisch anerkennen: pantarei. Alles ist flüssig oder so. Zwar stockt der Verkehr in fünf Megastaus mitten in der Altstadt und auf dem Umgehungsring, aber selbst im Stau hat man den Eindruck, er fließe. Irgendwie funktioniert so ein Stau in Neapel; ein neapolitanischer Stau ist gar keiner, weil auch die stockendste Autoschlange immer wieder von erstaunlich ungeduldigen Rollern, Kleinstwagen und Motorrädern hupend und krakeelend durchwuselt, durchdrungen und überholt wird. Ein kampanischer Stau sieht aus wie eine Birne, lebt aber wie eine Spermazelle: hinten die lange Autoschlange, ganz vorn die Ballung all der durchgewuselten, durchgedrungenen und überholt habenden Zweiräder. Den Siegern. Den Schwarzhaarigen, Schnoddrigen, Unangepassten, die über alles erhaben sind. Zuallererst über Verkehrsregeln. Geschwindigkeitsbegrenzungen. Überholverboten. Einbahnstraßen. Auf diese Weise sind die fahrfreudigen Einwohner ungeheuer lebendig und lebensfreudig, und so ein Stau wird – wenn er schon nicht das, was er überall auf der Welt sonst ist – als das wahrgenommen, was er ist: pure Flirterei. Stillstand? Unsinn. Ein typisch touristischer Gedanke. Das geschieht unterm Vesuv ja angeblich ständig: Komplimente den Damen rechts, Komplimente links, aber wenn´s ums Durchkommen an der Ampel geht, kennt der galanteste Galan keine Gnade. Und da soll man keine Vergleiche anstellen. Auch nicht, dass in Neapel die weiblichen nicht minder halsstarrig fahren als ihre männlichen Mitstreiter. Auf der Straße zählt kein Geschlecht: Das Durchsetzungsvermögen, die Fahrzeugzähmung und die schickere Sonnenbrille sind das Entscheidende. Quasi. Auch die Frauen wissen natürlich, mit welcher Geschwindigkeit der schwere Lkw die allerengste Gasse durchmessen haben wird, und daher wissen natürlich auch die Frauen auf ihren flitzenden Vespen, dass das Vorbeiquetschen vor des Lkw Front dann am meisten Spaß macht, wenn vorm Lkw ein anderer Lkw bremst, die Großmama über die Straße schleicht und zwei Buben Fußball spielen. Je enger, desto besser. Platz ist immer relativ, weniger Platz auch. Ein Fahrrad zum Beispiel würde viel zu wenig Platz benötigen; es wäre nicht raumgreifend genug. Natürlich ist niemand so wahnsinnig und fährt in dieser Stadt Rad. Da könnte er oder sie sich ja gleich hinter die auslaufende Fähre nach Amalfi werfen. Als Radfahrer lebte man zu gefährlich, wobei auch die Einschätzung dessen, was gefährlich ist, relativ ist. Mit anderen Worten: Für einen Neapolitaner scheint nichts gefährlich, nur der Vesuv. Also müsste ich das mit dem Radfahren wieder nivellieren, ich mag aber nicht. Radfahren hier ist dem Leben unförderlich, nur nicht für einen Einheimischen oder so. Man könnte ja meinen, vielleicht wäre es nicht so unförderlich, begäben sich die nicht vorhandenen Radfahrer auf Radwege, aber die gibt es natürlich ebenso wenig. Radwege? Die wären für Einheimische wohl so etwas wie Autobahnen für Nacktmolche (womit nichts gegen diese possierlichen Tierchen gesagt sein soll). Weil dies eine ernste Satire sein soll, erspare ich mir den flüchtigen Blick in mein ohnehin winziges Italienisch-­Lexikon, ob darin das Wort Radweg überhaupt aufgenommen ist. Ich kann es mir nicht vorstellen. Neapel kann sich ja auch keiner vorstellen, der noch nicht dort war. Wenn er hinfindet. Denn, um der aberwitzigen Verkehrssituation einen krönenden Abschluss zu verleihen, muss ich es wiederholen: Wenn er denn hinfindet. So ein Anreisender nicht mit dem Flugzeug direkt in die Stadt geflogen wird – diese positive Einschränkung darf ich machen, wie immer der geneigte Leser zum Flugverkehr an und für sich steht –, so wird ein Anreisender durch Kampanien hindurchfahren, ohne es zu merken. Ich meine, natürlich bemerkt er, dass er gerade durchs landschaftliche Paradies rast (um das mal so zu sagen, und um vom Verkehrsgewühl auch mal abzulenken), aber da es keinerlei Verkehrsschilder gibt, wird er aus dem Paradies auch nicht mehr herausfinden. Und so mancher, dem das nicht gelingt, wähnte sich plötzlich nicht mehr im Eden, sondern in der Hölle. Das fällt angesichts der Phlegräischen Felder auch nicht schwer, aber darum geht es nicht: Ich will im triefenden satirischen Wankelmut sagen, dass… wie soll man das gutdeutsch ausdrücken… die, zum gleichmäßigen Verkehrsfluss notwendige, syntaktische und grafische Einbindung des Verkehrsteilnehmers in das Gesamtumfeld als ganzes und in die geographisch­exakt­strukturelle Wegeführung im kleinen un­mittelbar nicht vorhanden, sprich gutdeutsch, einfach sch… ist. Sagt der Deutsche. Natürlich werden die Einheimischen dies als typisch empfinden: Kaum sitzen die Ausländer in gemieteten Fahrzeugen und kaum breiten sie das erste Mal Landkarten auf den Knien aus, um von A nach B zu kommen, da stellen sie fest, dass das in und um Neapel herum nicht geht. Und dann werden sie wütend und fühlen sich wie in Nepal. So richtig fremd eben. Wofür brauchen die Einheimischen Schilder? Sie kennen sich ja aus. Alle fahren zum Zigarettenautomaten mit dem Auto, da braucht es kein Schild »rechts zum Zigarettenautomaten«. Aber genau das erwarten die Touristen. Unverschämt. Quasi. Jeder weiß doch, wie man nach Pompeji oder nach Herculaneum oder um Castellmare herum fährt, das weiß man doch. Verkehrshinweise sind für Weicheier, für Sichnachschildernorientierer, also Orientierungslosen. Und wer in dieser Region nicht weiß, wohin er muss, ist ohnehin vorab verloren, also Ausländer, Fahranfänger oder Deutscher. Sich darüber zu beschweren, drei Mal an Pompejis Ausgrabungen vorgefahren zu sein, kann nur ein Ausländer – ein Einheimischer fährt ja auch nicht nach Pompeji. Dorthin fahren nur Touristen, denn nur die haben überhaupt Zeit dafür. Wer Neapels Straßen beobachtet, sieht unmittelbar, dass Zeit relativ ist – wenn es schneller geht, durch den engen dunklen Tunnel zu rasen, dann wird´s auch schneller gemacht. Zeit nimmt sich niemand, der irgendetwas bedient, was einen Motor hat (sage ich jetzt mal so), der auch noch angesprungen ist. Die Zeit wird im Straßenverkehr ausgesetzt, eingestampft und weggesprüht. Der Wahnsinn muss doch irgendwie Methode bekommen, da kann man ihn nicht auch noch ausschildern. Rechts geht’s zu den­Tempo­-80­-locker­-um­-das­-Dreifache­-Überbietern, links zu den­ im­-schmalen­-Tunnel­-jederzeit­-Überholern. Weiß man doch. Geht ja auch nicht anders, der wer in Kampanien keine Zeit, ein Auto und eine Hupe hat – also alle –, der wird sich nie Zeit nehmen, dafür immer das Auto und immer immer die Hupe.

Dann kann man die Seitenscheibe herunterkurbeln (sofern noch vorhanden) und wild gestikulierend krakeelen, die Straße gehöre einem, denn der Neffe des jüngsten Bruders kenne den Halbonkel des Straßenbaumeisters, und dann senkt sich der Samstagabend über die Stadt und den Vesuv, und alle stehen in den Staus, die eigentlich gar nicht da sind, weil die Stadt nicht da ist, weil Neapel gar keine Stadt ist, sondern ein Bild davon, das jemand aus dem fahrenden Auto heraus geknipst hat.

Foto by Adriano Amalfi licensed under CC BY 2.0
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