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Auf der Suche…

…nach dem wahren, typischen Italien fliege ich allein, mit nur marginalen Sprachkenntnissen, von Köln nach Sizilien – Ankunft 17.30 Uhr in Catania.

Es ist Juli, von oben erkenne ich den rauchenden Stromboli, dann Sizilien, karg, in der Einflugschneise bräunliche Felder, wenig grün, dann mein erstes iniziales Erlebnis am Flughafen: Mir scheint, dass nach mittäglichem Dämmerschlaf jetzt plötzlich drei Maschinen gleichzeitig gelandet sind, entsprechend lang zieht sich die Wartezeit am Gepäckband hin, alle lieb und nett, alle in froher Erwartung, alle gemeinsam der technischen Errungenschaft eines anonymen kofferspeienden Gummifließbands ausgeliefert, dann schließlich mit dem doch wieder aufgetauchten Koffer nach draußen, angenehm warm und sonnig ist es – und es wimmelt von Reisenden.

Ich halte Ausschau nach einem blauen „Pullman“ mit der Aufschrift Taormina, der nach meiner Reisebeschreibung dort bereitstehen soll… ma non c’è!

Statt dessen: Nur Chaos überall, nur lamentierende Tassisti und Touristi, ich versuche, von kofferbepackten Italiani eine Auskunft zu bekommen, wo denn die Fermata meines blauen Pullman sei, aber die Befragten sind ebenso confusi wie ich, und dann wird mir klar: Wir haben hier einen riesigen Bus – und Taxenbahnhof, aber es gibt gar keine richtigen Haltestellen, die Fermaten sind aus Eisenrohren und alten Autofelgen – als Standfuß – zusammengeschweißt und sehen so aus, als ob jemand sie nur zufällig irgendwo hingestellt hätte. Aha, capisco, jeder findige Siziliano kann sich einen klapprigen Bus kaufen und seine selbst gebastelte Fermata dahin stellen, wo es gerade passt? – Das glaubt dir kein Mensch! Non c’è da stupirsi, ich finde meinen Bus nicht.

Ruhig bleiben, irgendwie macht das ganze hier nun doch einen sympathisch-anarchischen Eindruck.

Nach einer Stunde Koffersuche und einer weiteren Stunde erfolgloser Suche nach dem Pullman, wende ich mich vertrauensvoll an einen Tassista, den ich mit meinem auswendig gelernten Satz zu beeindrucken versuche: „Non sono mai stato in Italia, eccetto qualche giorno a Roma, ma penso che Roma non è una città tipica italiana.“ Er freut sich über meine gespielte Abneigung gegen Rom, er hat mich also verstanden, mein erstes Erfolgserlebnis – allein in Sizilien.

Er fährt mich zur Stazione Centrale, dort finde ich einen Zug nach Taormina, wenn es auch laut Fahrplan der letzte Zug für heute ist, habe ich endlich ein beruhigtes Gefühl, dort auch anzukommen, notfalls kann ich die Mitreisenden fragen… Habe allerdings kaum bemerkt, dass es schon dämmrig geworden ist, als der Zug losfährt.

Am ersten Haltepunkt ist es schon fast stockdunkel. Ich suche irgendwo im Zug ein Fahrplanschema, um zu wissen, wie viele Bahnhöfe noch kommen bis Taormina, finde aber nichts dergleichen. Beim nächsten Bahnhof schaue ich aus dem offenen Fenster, er ist so spärlich beleuchtet, dass ich den Bahnhofsnamen nicht erkennen kann, langsam bekomme ich ein etwas mulmiges Gefühl: Wo bin ich hier? Ist es überhaupt der richtige Zug?

Bei der nächsten Station steigen die wenigen Mitfahrer fast alle aus, einen Bigliettaio suche ich vergeblich, finde aber meinen rettenden Engel, einen schweizerischen Touristen, der nach Messina will. Er schaut auf seine Präzisionsuhr und zieht einen zerknitterten Fahrplan aus seiner Hosentasche, auf dem zu erkennen ist: „Arrivo Taormina 21.24“: Ecco! Molte grazie!

Die nächsten Bahnhöfe sehen ziemlich unheimlich aus, kaum Licht, kein Mensch mehr da, kein Schild… Da, wo mein Zug wenige Minuten nach 21.24 hält, sage ich mir „su, coraggio!“ – und steige aus. Jetzt mutterseelenallein auf diesem Bahnhof: Wieder alles ziemlich oscuro, aber, grazie a Dio, draußen vor dem Gebäude steht ein Schild: „Taormina“.

Der Vorplatz ist ebenso menschenleer, ich habe ein Telefonino um ein Taxi zu rufen, aber welche Nummer wählen? Schließlich hilft mir ein netter Eisverkäufer, der bestimmt schon seit einer Stunde kein Eis mehr verkauft hat, und der nur noch liebevoll seine mobile Eisbude poliert.

Weiter mit dem lange erwarteten Taxi zum vorbestellten Hotel, inzwischen ist es weit nach 22.00 Uhr, alle Mitglieder der Hotelier-Familie sitzen zusammen an einem langen Tisch, zum Tafeln und zum Fernsehen, sie hatten wohl kaum noch mit meiner Ankunft gerechnet, ein Figlio wird vom strengen Padrone ausgeguckt, um mich in Empfang zu nehmen – molto gentile. Nach etlichen verwinkelten Treppenstufen stolpere ich in das Zimmer, registriere noch ein eisernes Bettgestell und ein ebensolches Balkongitter, dann der Ausblick auf den klaren Nachthimmel und auf das glitzernde Mittelmeer mit den bunten Hafenlichtern: Meraviglioso, ich bin am Ziel!

Morgens, ungefähr um 7 Uhr weckt mich zuerst unsanft das kalte Bettgestell, dann ein strahlend schöner neuer Tag, und sofort fühle ich mich hier zu Hause, schaue vom eisernen Balkon hinunter in einen bunten Paradiesgarten, der zum Hotel gehört. Dort sitzen verstreut an kleinen runden Tischen die Gäste und nehmen in der frischen Meeresbrise ihren Caffè.

Ich lasse die Szene und den herrlichen weiten Blick aufs Meer lange auf mich wirken und genieße die Vorfreude, in wenigen Minuten selbst ein Teil dieses Garten Eden zu sein.

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