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Nachruf: Berlusconi ist weg

Berlusca, du hattest ein Leben, wie im Film: Du arbeitetest neben dem Studium als Staubsaugervertreter und Sänger in Nachtclubs und auf Kreuzfahrtschiffen. Dann errichtetest du dir (teils ja durch zwielichtige Geschäfte) ein Imperium: Fininvest. Über die Holding kontrolliertest du zuletzt fast das ganze private Fernsehprogramm, Radiosender, das Kino. Mit dem Verlagshaus Mondadori auch Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Radiosender, mit Mediolanum SpA Versicherungs-, Anlage- und Direktbanking-Geschäfte. Außerdem gehörte dir der Fußballklub AC Milan. Laut Forbes-Liste gehörtest du zu den reichsten Italienern.

Dann folgte die Politik. Italien mochte dich – diesen Mann, der zum Tellerwäscher zum Millionär aufgestiegen war. Du wurdest viermal Ministerpräsident Italiens sowie übergangsweise Außen-, Wirtschafts- und Gesundheitsminister. Zu dir in die Politik holtest du Showgirls und Models – was für ein Spektakel. Du warst Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer und gehörtest zuletzt dem Senat an. Du prägtest den Begriff des „Berlusconismus“ als besondere Form des Populismus. Du hast Emotionen provoziert: Über dich haben fast alle gelacht. Oder zumindest geweint. Was ist nur aus dir geworden?

Silvio Berlusconi. Mit 77 Jahren verlorst du gestern dein wichtigstes öffentliches Amt und deine Immunität.

Silviuccio, wir werden uns immer an deine tollen Bung-Bunga-Partys in deinen Palazzi erinnern, bei denen auch die Prostitution Minderjähriger begünstigt wurde.
Auch deine Männerfreundschaften mit Putin und Gaddafi werden wir vermissen. Und deine Schönheitsoperationen werden uns fehlen. Deine Beziehungen zur Mafia sind doch bis heute nicht geklärt – wie kannst du einfach so von der Bildfläche verschwinden? Steuerbetrug wird jetzt wohl ebenfalls schwieriger, wer soll uns nun vormachen, wie’s geht? Über 30 Male wurdest du vor Gericht angeklagt und hast deinen Arsch gerettet. Gerichte stuften dich als „Gewohnheitsverbrecher“ ein – wo bleibt denn nun die Gewohnheit? Du muss nun neun Monate Sozialdienst leisten, die dich vor einem Jahr Gefängnis oder Hausarrest bewahren. Mehrere Verfahren sind noch offen. Droht dir dort eine rechtskräftige Verurteilung, wäre das für dich eine Katastrophe! Dann würde auch die (aufgrund der dir zugebilligten Amnestie) milde ausgefallene Strafe aus dem Mediaset-Verfahren rückwirkend unwirksam. Du hättest dann die ganzen vier Jahre vor dir, zusätzlich zur neuen Strafe!

Deine Ehe ging in die Brüche, da gabst du ein Nacktfoto deiner Gattin an die Zeitung Libero weiter. Genialer Schachzug! Doch nun ist auch deine Partei gespalten – aber mit Spalten kennst du dich ja aus. Wir wünschen dir viel Glück mit der blutjungen Fernseh-Tänzerin, mit der du dich verlobt hast. Möge sie dir in diesen harten Zeiten beistehen. Hoffentlich besiegen jetzt nicht noch deine Wähler den kleinen Berlusconi, den sie die ganzen Jahre in sich getragen haben.

Du wirst uns fehlen. Nicht.

http://www.youtube.com/watch?v=MWUJvTyl-m4

Foto by Alessio licensed under CC BY 2.0

Martin Schröer

Martin Schröer wurde 2004 in Florenz wohl vom Stendhal-Syndrom befallen, jedenfalls blieb er dort gleich ein knappes Jahrzehnt. Noch im selben Jahr gründete er TIAMOITALIA. Heute lebt er in Hamburg und ist Vater einer Tochter.

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