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Florentiner Wasserstraßen

Florenz begeht zum 50. Mal einen lokalen Gedenktag zum verheerenden Hochwasser aus dem Jahr 1966, mit historischen Schwarzweiß-Aufnahmen und bunten Kinderzeichnungen zum Thema. Auslese eines diesjährigen Geschichtsprojekts an den Grundschulen: Das Jahrhunderthochwasser von 1966, als Florenz im Wasser versank. Ganz Florenz, nicht nur die Uferstraße mit dem Parkplatz und zwei Dutzend PKW mit verschiedenen nationalen Kennzeichen. Autorin Petra Hartmann lebt seit 2002 in Florenz und widmet der Wasserproblematik ein Essay.

In Florenz fürchtet man sich vor dem Wasser

Es ist ein halbes Jahrhundert vergangen, seit in der Nacht vom 3. auf den 4. November 1966 nach Tagen unablässigen Regens der gewöhnlich eher unauffällige Arno, da er dies im oberen Lauf nicht tun durfte, dann eben in Florenz über die Ufer trat. Und nach dieser primären Übertretung bewegte er sich ungehindert weiter in einem rechtsfreien Raum, der durch den Streit um Zuständigkeiten zwischen der Regierung in Rom, dem Militärkommandanten von Florenz, dem Bürgermeister von Florenz und dem Präfekten entstand und in der Fläche die komplette Innenstadt, in der Höhe alles bis einschließlich der ersten Obergeschosse umfasste. Was der Arno zutage treten ließ, war nicht nur Erkenntnis (der ungezähmten Naturgewalt des Wassers und der schlechten Verfasstheit des Gemeinwesens), sondern durchaus auch materieller Beschaffenheit. Letztere wird im Sprachgebrauch der Politiker und Bürger mit euphemistischer Contenance als fango, Schlamm, bezeichnet, und um diesen näher zu bestimmen, finden pars pro toto meist die privat gelagerten Heizölvorräte Erwähnung. Einige Spottlieder wurden da aber deutlicher, so deutlich, dass ich die hübscheste Zeile aus Riccardo Marascos „L’alluvione“ doch lieber entschärft übersetze: Er besang den „frenetischen Tanz der Exkremente“ auf den 60 Stundenkilometer schnellen innerstädtischen Wasserläufen, die einmal Straßen waren.

Um die Jahrtausendwende veröffentlichte die Präfektur erstmals Zahlen: 34 Tote in Florenz und der umliegenden Provinz, oder waren es doch 35, wie andere Quellen sagen? Der Spiegel vom 05.12.1966 bezifferte auch die sonstigen Schäden: 60.000 Bücher, 1.300 Gemälde. Die Springflut vier Jahre vorher in Hamburg hatte etwa zehnmal so viele Menschenleben gefordert, aber natürlich keine Tafelkreuze, Fresken und mittelalterlichen Manuskripte geschädigt. Noch immer erzählen sich die Florentiner gegenseitig, wer im sicheren Jungenzimmer in der Wohnung am Stadtrand mit seinem älteren Bruder feixte, als die Mutter aufgeregt den telefonischen Bericht ihrer Freundin aus der Innenstadt über den Wasserstand weitergab (was die da immer stundenlang am Telefon für ein dummes Zeugs quatschen!), wer sich aufs Dach des Nebenhauses flüchtete und wer die teuersten und für besondere Anlässe vorgesehenen Weine leer trank und dazu eingelegte Trüffeln aus Alba aß, da er im zweiten Stock gefangen war und es ohnehin auch weiter unten am Nachschub von Alltagsweinen und Nahrung generell mangelte.

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Es ist ein halbes Jahr vergangen, seit in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 2016 die Uferstraße Lungarno Torrigiani in Richtung Fluss abstürzte, mitten in der Stadt, gegenüber von den Uffizien und 100 Meter vom Ponte Vecchio entfernt, und dabei etwa 20 parkende Autos versenkte. Der letzte Vespa-Fahrer der Nacht oder der erste des Morgens hatte sich vielleicht nur ein bisschen gewundert, dass wieder mal eine Straße unter Wasser stand, aber er wunderte sich sehr, als plötzlicher Lärm ihn darauf aufmerksam machte, dass sich unmittelbar hinter seinem Hinterrad die Erde auftat.

Den großen geschichtlichen Bogen von November 1966 zu Mai 2016 schlage nicht ich, sondern das tat der empathische Bürgermeister der Stadt Florenz, zu dessen allerersten Verlautbarungen nach dem Erdrutsch die Versicherung an die Bürgerinnen und Bürger gehörte, bis zum Jahrestag der früheren, der richtigen Katastrophe werde alles ganz und gar behoben sein. Er wusste, dass er das versprechen musste.

Bevor die Straße abstürzte, war sie überschwemmt – aber nicht vom Oberflächengewässer Arno. Sie war von unten überschwemmt. Bürgerschaft und Bürgermeister spürten dennoch das Gemeinsame der beiden Ereignisse, das auf der perfiden Neigung von Wasser beruht, Unten und Oben in oft schlammigen, aber in jedem Fall destabilisierenden Kontakt zu bringen.

Unter dem Pflaster von Florenz

Das Oben der einmal wohl glanzvollsten Stadt Europas darf als im wesentlichen bekannt vorausgesetzt werden, aber was ist mit dem Unten? Was liegt unter den schönen Renaissancepalästen von Florenz, oder unter der wenigen Bausubstanz des Mittelalters, die den Stadtplanungswahn der Medici und den Bauboom von Firenze Capitale überlebt hat, oder auch dort seitlich vom Ponte Vecchio, wo der Rohrbruch dieses Jahres das Zerstörungswerk der Wehrmachtsbomben bei ihrem Rückzug 1944 glücklicherweise nicht vollendet hat?

Da liegt ganz Verschiedenes.

Am Ende der Via dei Barbadori, einer erst in der Nachkriegszeit durch eine Art Kaiserschnitt im Schutt der zerbombten früheren Gebäude geborenen Straße neben dem Ponte Vecchio, deren Erscheinungsbild dem der Seitenstraßen hinter der Konstablerwache in Frankfurt zum Verwechseln ähnelt, liegt, so sagt es der Goldschmied der Straße, eine Mikwe unter dem Wohnhaus.

Wenn man an dieser Stelle mit der Form des Buchstabens T nach links geht, kommt man zu einer mesticcheria, also zu einem der überaus nützlichen Gemischtwarenläden für Eisenwaren, Haushaltswaren, Reinigungsmittel, Kosmetikartikel, Tierfutter, Schnürsenkel, Batterien und Blumenerde. Unter deren steinernem Fußboden gab es vor ein paar Jahren ein Kanalisationsproblem, so dass er aufgemeißelt werden musste. Hier liegen gemauerte Abwasserrinnen, nicht Rohre, aus vorneuzeitlicher Epoche, die bis eben vor ein paar Jahren zuverlässig ihren Dienst taten.

Dann liegen unter der Stadt insgesamt circa 1.200 km Frischwasserrohre, zum Teil gusseisern und vom Ende des 19. Jahrhunderts, zum Teil aus asbesthaltigem Material aus den sechziger oder siebziger Jahren. Letztere machen etwa 225 km aus, mehr als ein Drittel davon Hauptrohre, und in den Investitionsplan 2014 bis 2021 der Wasserwerke des Großraums Florenz, Publiacqua, ist für deren Austausch keine Kostenposition eingestellt1. 30% der Rohre sind älter als ich, und das ist für Wasserrohre jenseits ihrer Lebenserwartung. Und unter oder auch neben diesen Rohren liegt jede Menge patschnasse Erde, denn Publiacqua entnimmt dem Erdreich im Jahr 167 Mio. Kubikmeter Wasser, stellt den Verbrauchern aber nur 85 Mio. Kubikmeter in Rechnung, so dass die anderen 82 Millionen Kubikmeter Trinkwasser wohl irgendwo unterwegs verloren gehen2. Damit würde Florenz noch den nationalen Durchschnitt von etwa einem Drittel Sickerverluste durch in die Jahre gekommene Leitungen toppen.

Und natürlich liegen unter der Stadt auch Abwasserrohre, nämlich etwa 800 km für 102 Quadratkilometer, das heißt 7,84 Rohrkilometer pro Quadratkilometer. Das ist gar nicht schlecht, zum Vergleich: Im Stadtgebiet Frankfurt gibt es laut offizieller Angabe des Dezernats Umwelt und Gesundheit 1.600 km Abwasserrohre auf einer Fläche von 248,31 Quadratkilometer, also nur 6,44 Rohrkilometer pro Quadratkilometer. Aber man scheint in Florenz nicht zu wissen, was anderswo bekannt ist, dass nämlich bei dem neuerdings so genannten Starkregen die Wasserfluten durch trickreiche Barrieren und Kanalisierungen auf ihrem Weg angeleitet werden müssen. Oder aber der Durchmesser der Rohre wurde nur für den Normalfall ausgelegt. Italien plant immer nur für den Normalfall, deshalb ist Normalität eine fragile Angelegenheit und statistisch eher der Ausnahmefall. Bei größeren Regenereignissen verwandeln sich harmlose Straßen in reißende Flüsse.

Was nicht unbedingt unter den Palästen und Häusern liegt, ist der Arno. Ein historischer Planungsfehler, der beim Hochwasser 1966 schmerzhaft bewusst wurde: nicht wenige Straßen der Stadt liegen ihrerseits unterhalb des Wasserspiegels des Arno, und konsequenterweise gibt es auch nicht viele Keller, wozu auch, die stehen ja doch nur unter Wasser.

Aber nachdem nun von Mikwe, Rinnen, Rohren und dem Arno die Rede war, kommt die Überraschung: Was liegt sonst noch unter dem Pflaster von Florenz? Unter Mittelalter, Renaissance, Gründerzeit und Nachkriegsbauten?

Sickergruben. So wie im Garten meines Elternhauses am Niederrhein im ersten Jahrzehnt, nachdem mein Vater mit seinen eigenen Händen eine Bleibe für die Familie gemauert hatte, also vielleicht bis etwa 1970.

Die unbekannten Katakomben von Florenz

Zu nächtlicher Zeit, um den Autoverkehr nicht zu behindern und die Touristen nicht zu schockieren, kommt der spurgo. Das ist ein Tanklastwagen mittlerer Größe, der um drei Uhr nachts in eine Wohnstraße einfährt und dort mit reichlich Motoreinsatz eine Stunde steht, denn er muss ja pumpen. Nach etwa einer halben Stunde breitet sich ein bestialischer Gestank nach merda secca aus. So heißt das hier, gewissermaßen ein Terminus technicus des Volksmundes, von dem ich hoffe, dass ich ihn nicht übersetzen muss.

Und das ist die Blöße, die Florenz in größter Scham zu bedecken versucht. Schmutzige Wäsche vor den europäischen Nachbarn waschen – nun ja, wenn es der eigenen politischen Sache oder aber dem nationalen Minderwertigkeitsgefühl, also dem invertierten Stolz, dient, gerne. Aber zugeben, dass man den Windeln nicht entwachsen ist … Verkneifen wir uns jeden spekulativen psychoanalytischen Diskurs. Und verkneifen wir uns auch infrastrukturelle Überheblichkeit, vergessen wir nicht, dass eine Stadt wie Frankfurt Wasser in Form von Eis nicht gewachsen ist und im Januar 2013 tagelang mit Bunsenbrennern und den robusteren antiken Straßenbahnen aus dem Verkehrsmuseum daran gearbeitet hat, die Oberleitungen eisfrei zu bekommen und den öffentlichen Personennahverkehr wieder in Gang zu bringen.

Jedenfalls blieb meine Anfrage bei der Stadtverwaltung, ob man mir die Zahl der privaten Sickergruben in Florenz nennen könne, unbeantwortet, so wie auch im Achten Bericht der EU-Kommission vom März dieses Jahres über die Behandlung von kommunalem Abwasser drei von 28 Mitgliedsstaaten keine Zahlen zur Umsetzung der Artikel 3, 4 und 5 der Abwasserrichtlinie (Kanalisation, Zweitbehandlung und weitergehende Behandlung) geliefert haben: Kroatien, Polen und – Italien. Oder die Umsetzung liegt tatsächlich bei Null, wie die Säule des Diagramms. Eine nicht repräsentative Umfrage unter den Bürgerinnen und Bürgern meiner Wahlheimat ergab: Na, so viele Sickergruben wie es Häuser gibt, ist doch klar! Und das klandestine nächtliche Pumpen höre und rieche ich in meiner keine zweihundert Meter langen Straße etwa sechsmal pro Jahr.

Hydrogeologie und Büffelkäse aus Neapel

Kommen wir wieder zum Erdrutsch am 25. Mai 2016. Es hat den Florentiner Zeitungen gefallen, dass das deutsche Touristenpaar in Ferienlaune applaudierte, als der Kran erfolgreich ihren PKW aus dem Canyon Torrigiani gehievt hatte. Ich hätte das als Touristin auch so gemacht, ist doch netter und vergnüglicher, als sich über zerschlagene Eier zu ärgern. Aber ich bin keine Touristin mehr, ich wohne zwei Gehminuten entfernt, und als ich einen der dort schwitzenden Facharbeiter fragte, was denn passiert wäre, wenn Wasserrohre unter meinem Wohnhaus geplatzt wären und der Boden nachgegeben hätte, machte er mit beiden Händen das Zeichen gegen den bösen Blick und sagte: Signora, facciamo le corna! Auf gut deutsch: Um Himmelswillen, klopfen wir auf Holz!

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Seit März 2015 liegt dem Welterbekomitee ein detaillierter Bericht zu einigen Problemen in Florenz vor, seit Oktober 2015 steht Florenz formal unter Beobachtung der UNESCO, und drei Wochen vor dem Ereignis hatte eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Florenz gefordert, ihre Heimatstadt in die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten aufzunehmen. Die Geologen wiesen auf Anomalien des Untergrunds von Florenz und auf die zahlreichen historischen Unbekannten hin und warnten vor Gefahren für die Fundamente aller Gebäude – einschließlich des Doms, des Baptisteriums, des Campanile3. Der Bürgermeister, ein wohl recht praktisch veranlagter Mann (der auch nach dem Erdrutsch seine Aufgabe darin sah, an jedem Werktag auf die Baustelle am Fluss zu gehen und persönlich den Fortschritt der Arbeiten in Augenschein zu nehmen, das hat er fest versprochen für die ganzen Monate, bis alles wieder schön ist), reagierte auf den Druck so, wie es ihm eben gegeben ist. Die UNESCO hatte zum Glück nicht nur Transparenz in Bezug auf die Risiken in Verbindung mit Tunneln für TAV und Tram, also Hochgeschwindigkeitszug und unterirdische Abschnitte der Straßenbahn, und mit Tiefgarageplänen für Hotelgäste und Einheimische angemahnt, sondern auch den Niedergang des traditionellen Handwerks und Kunsthandwerks sowie allgemein der lokalen Gewerbestruktur thematisiert, und bei diesem Problem kann man, wenn schon nicht Kompetenz, so doch Handlungsfähigkeit zeigen. Nun soll den überhand nehmenden Kebab- und Dönerläden der Garaus gemacht werden mit Auflagen, die sie nicht erfüllen können, und alle neu eröffnenden Gastronomiebetriebe müssen „70%“ (von was ist den Betroffenen nicht klar, Stück oder Gewicht oder Geldwert?) ihrer Waren aus der Region beziehen. Zuerst sollten es sogar 100% sein, aber da gab es Widerstand. Wer also in Florenz Parmesan auf seiner Pasta möchte oder einen Wein aus dem Piemont oder mozzarella di bufala, der muss sich zukünftig auf die Suche nach einem alteingesessenen Restaurant mit Bestandsschutz machen.

Ich muss zugeben, dass ich die hydrogeologischen Probleme auch nicht so gut verstehe, aber ich verstehe zumindest, dass es sie gibt.

Die Wasserwerke

Wollen Sie wissen, was ich an Publiacqua mag? Ich mag das Inkassounternehmen. Denn Publiacqua selbst reißt sich nicht um Arbeit.

Weder darum, Rohre auf ihren Erhaltungszustand und ihre kanzerogene Beschaffenheit hin zu prüfen und, falls erforderlich, auszuwechseln: pro Jahr gibt es 5.000 Rohrbrüche in Florenz und 0,7% des Leitungssystems werden erneuert.4

Noch darum, am ganz frühen Morgen Krisenintervention zu machen: Ab viertel nach sechs am schwarzen Tag des Jahres 2016 versuchte die Polizei, unter der Notfallnummer von Publiacqua jemanden zu erreichen. Um sieben Uhr ging jemand ans Telefon, sagte aber, dass vor acht Uhr nichts zu machen sei. Und um halb zehn stellte die Zentrale das Wasser ab, das bis dahin weiter in den Canyon geflossen war.5

Noch darum, Rechnungen einzutreiben, was angesichts eines Nettogewinns nach Steuer von knapp 21 Millionen Euro im Geschäftsjahr 20146 ja auch nicht prioritär ist. Man konzentriert sich auf das Core-Geschäft, und die vornehmste Aufgabe noch jeder stadtnahen Gesellschaft auf der ganzen Welt ist es, Kaderschmiede, Zwischenlager und Versorgungsanstalt für Parteipersonal zu sein: von Maria Elena Boschi, vom Bürgermeister Renzi in den Verwaltungsrat der Publiacqua berufen und nun Ministerin für Verfassungsreformen und Beziehungen zum Parlament unter dem Ministerpräsidenten Renzi, über Erasmo D’Angelis, vormals Präsident der Publiacqua, dann Chefredakteur der PD-nahen Zeitung L’Unità und nun Leiter der von Renzi ins Leben gerufenen Regierungskommission für hydrogeologische Störungen, bis hin zum derzeitigen Präsidenten der Publiacqua, der gleichzeitig wirtschaftspolitischer Berater der Renzi-Regierung ist. Schuld an dem Desaster, das hat der Bürgermeister umgehend in den ersten Stunden danach erkannt, ist der Delegierte Verwaltungsrat, also der Geschäftsführer, der Publiacqua. Der Posten des Präsidenten gehört den Öffentlichen, aber der Delegierte Verwaltungsrat wird von den so genannten privaten Anteilseignern nominiert, die 40% der Anteile halten gegenüber den 60% in der Hand der Stadt Florenz und anderer öffentlicher Körperschaften und Kommunen des Großraums. Nur ist diese Public-Private-Konstruktion so verzwickt und verzweigt und halb vergessen wie die Wasserläufe unter Florenz und die Public-Private-Konfliktlinie, die man hinter der Schuldzuweisung des Bürgermeisters vermuten möchte, so wenig tragfähig und stabil wie der städtische Untergrund: knapp 70% der so genannten privaten Anteile hält die Acea SpA, deren Mehrheitsaktionärin wiederum die Stadt Rom ist.

Jedenfalls erfolgt die Rechnungsstellung und der Zahlungseinzug über viele kleine Inkassobetriebe, die jeweils von den Hausverwaltungen beauftragt werden und von denen jeder eine andere Verwaltungsquote auf die zu zahlende Wasserrechnung aufschlägt. Alle zwei Monate klingelt bei mir ein gut gelaunter Mann, um die Wasseruhr abzulesen, meist mit Toscano-Zigarre im Mund, die aber manchmal ausgegangen ist. Sechs Jahre lang fragte er mich immer wieder, wo ich herkomme, und erzählte dann, dass sein Sohn früher eine Freundin in München hatte, er selbst sei auch einmal zum Skifahren da gewesen, aber dann habe sein Sohn, dieser Dummkopf, sich von dem Mädchen getrennt. An einem Tag, an dem ich kommunikativ schwächelte, antwortete ich, ich sei Japanerin, und seitdem hat er sich gemerkt, dass ich Deutsche bin, und erzählt mir auch nicht mehr von der Fehlentscheidung seines Sohnes. Schade eigentlich, ich mochte diese Plauderei, die – wohl nur für mich – etwas von Ritual und Running Gag hatte. Nun sind wir noch auf der Suche nach einem neuen Gesprächsthema.

Und jetzt?

Ach ja, Hochwasser 1966 und Canyon 2016 und bürgermeisterliche Versprechen: Es sieht so aus, als habe er Wort halten können. Am 3. November hieß es, an der Baustelle würde die ganze Nacht durchgearbeitet, 20 Mann hoch, und wenn das Wetter nicht noch einen Strich durch die Rechnung mache, dann sei pünktlich am 4. November alles wieder schön.

Quellen

1. Perunaltracittà

2. Perunaltracittà

3. www.eddyburg.it

4. Corriere Fiorentino vom 26. Mai 2016

5. Bericht des Bürgermeisters Nardella vor dem Stadtrat vom 30. Mai 2016

6. Publiacqua

Foto by Gerry Labrijn licensed under CC BY-SA 2.0

Petra Hartmann

Petra Hartmann ist Diplomsoziologin mit vielen Berufen und lebt in Frankfurt und Florenz.

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