Wenn ein Film schon im Titel Hoffnung verspricht, darf man skeptisch sein. Bei Nanni Moretti jedoch ist dieser Optimismus kein billiges Versprechen, sondern Teil einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Italien, seiner Geschichte und den eigenen Idealen. Das Beste liegt noch vor uns (Originaltitel: Il sol dell’avvenire) ist Morettis jüngster Film – und zugleich eine selbstreflexive, verspielte und zutiefst italienische Meditation über Kino, Politik und das Älterwerden.
Im Mittelpunkt steht Giovanni, gespielt von Moretti selbst: ein renommierter Regisseur, der an seinem vermeintlichen Opus magnum arbeitet. Der geplante Film führt zurück ins Jahr 1956, zur sowjetischen Invasion in Ungarn – und zu jenem historischen Moment, in dem die italienische Kommunistische Partei nach Giovannis Überzeugung eine historische Chance verpasst hat, sich von Moskau zu lösen. Doch während Giovanni glaubt, einen politischen Film zu drehen, nehmen die Menschen um ihn herum – allen voran seine Hauptdarstellerin – das Projekt ganz anders wahr: als Liebesgeschichte, vielleicht sogar als sentimentales Drama.

Foto: PROKINO

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Diese Spannung zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung zieht sich durch den gesamten Film. Giovanni kämpft nicht nur mit künstlerischen Missverständnissen, sondern auch mit einer Reihe persönlicher und beruflicher Krisen: Seine Ehe mit Paola steht vor dem Aus, seine Tochter Emma liebt einen Mann, der deutlich älter ist als ihr Vater, und sein französischer Produzent setzt große Hoffnungen auf einen rettenden Deal mit Netflix. Die Filmbranche wirkt verunsichert, beschleunigt, fremd – und Giovanni erscheint darin wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Gerade darin liegt jedoch der Reiz dieses Films für Italienfans. Moretti erzählt nicht einfach eine private Midlife-Crisis, sondern spiegelt darin den Zustand des italienischen Kinos und – indirekt – des Landes selbst. Italien erscheint als kultureller Raum, in dem große politische Erzählungen verblasst sind, während persönliche Beziehungen und individuelle Träume an Bedeutung gewinnen. Dass Giovanni sich weigert, diese Entwicklung einfach hinzunehmen, macht ihn zu einer tragikomischen Figur: stur, altmodisch, aber auch zutiefst liebenswert.
Moretti inszeniert diese Geschichte mit jener Mischung aus Ironie, Melancholie und Selbstbefragung, die sein Werk seit Jahrzehnten prägt. Das Beste liegt noch vor uns ist ein Film über das Kino – und darüber, wie sehr das Kino dazu dient, Lücken im Leben zu füllen. Während Giovanni am Set arbeitet, stellt er sich weitere Filme vor: eine jahrzehntelange Liebesgeschichte, eine Adaption von John Cheevers The Swimmer. Realität und Vorstellung, Gegenwart und Erinnerung gehen dabei fließend ineinander über.
Für das deutsche Publikum mit Italien-Sehnsucht bietet der Film zahlreiche Anknüpfungspunkte. Morettis Italien ist kein Postkartenland, sondern ein geistiger und politischer Raum: Rom als Lebensmittelpunkt, Filmsets als Orte der Auseinandersetzung, Gespräche über Ideale, die einmal selbstverständlich schienen. Wer sich für italienische Zeitgeschichte interessiert, erkennt im Hintergrund die ungelösten Fragen der Linken ebenso wie die nostalgische Sehnsucht nach klareren Haltungen.
Getragen wird der Film von einem hochkarätigen Ensemble. Margherita Buy, seit vielen Jahren eine zentrale Weggefährtin Morettis, spielt Paola mit leiser Entschlossenheit und innerer Distanz. Ihre Figur steht für eine neue Selbstständigkeit – privat wie beruflich –, die Giovanni schmerzlich spüren muss. Silvio Orlando ergänzt das Ensemble mit jener zurückhaltenden Präsenz, die ihn zu einem der profiliertesten Schauspieler des italienischen Autorenkinos gemacht hat. Mit Mathieu Amalric stößt zudem erstmals ein französischer Star zu Morettis filmischem Kosmos und fügt sich überzeugend in dessen Tonfall ein.
Formell erlaubt sich Das Beste liegt noch vor uns viele Freiheiten. Der Film wechselt Tonlagen, spielt mit Genres und bricht Erwartungen. Moretti selbst hat betont, dass er einem offenen, freien Drehbuch folgen wollte, das unterschiedliche Ebenen und Stile zulässt. Diese Offenheit spiegelt sich auf der Leinwand wider: Der Film gerät in Krisen – und findet gerade durch das Kino selbst wieder heraus. Es ist diese selbstreferenzielle Kraft, die Moretti feiert: die Fähigkeit des Films, Realität nicht nur abzubilden, sondern sie imaginativ zu verändern.
Dass diese Haltung beim Publikum auf Resonanz stößt, zeigt der Erfolg in Italien: Mit rund 620.000 Kinobesuchern ist Das Beste liegt noch vor uns Morettis erfolgreichster Film in seinem Heimatland. Auch international wurde das Werk positiv aufgenommen; seine Weltpremiere feierte es im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes.
Für Italienliebhaberinnen und -liebhaber in Deutschland ist dieser Film mehr als ein weiteres Arthouse-Drama. Er ist ein Dialogangebot: über die Vergangenheit Italiens, über die Gegenwart des europäischen Kinos und über die Frage, ob Hoffnung ein naiver oder notwendiger Antrieb ist. Moretti beantwortet sie nicht eindeutig – aber mit Wärme, Humor und einer ansteckenden Lust am Erzählen.
Vielleicht liegt das Beste tatsächlich noch vor uns. Zumindest im Kino von Nanni Moretti bleibt diese Möglichkeit lebendig.

Das Beste liegt noch vor uns
mit Nanni Moretti, Margherita Buy, Silvio Orlando, Barbora Bobulova, Mathieu Amalric und Jerzy Stuhr
Kinostart: 12. Februar 2026
95 Minuten / Italien, Frankreich 2023
