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Filmtournee "Cinema Italia" 2015

Die „Cinema Italia“-Filmtournee geht in die 18. Runde: Drei Kinos (in Bielefeld, Lüneburg und Osnabrück) sind dieses Jahr neu zur Tournee dazugestoßen. Sechs interessante aktuelle Filme aus Italien werden präsentiert, von der Komödie zum Thriller, vom Kriegsdrama zur Fellini-Hommage, viele davon preisgekrönt. Junge Nachwuchsregisseure sind genauso vertreten wie die beiden großen Altmeister Ettore Scola und Ermanno Olmi.

Die Filme

BUONI A NULLA / PechvögelCHE STRANO CHIAMARSI FEDERICO / FedericoI NOSTRI RAGAZZI / Unsere KinderLA TERRA DEI SANTI / Das Land der HeiligenSMETTO QUANDO VOGLIO / Ich kann jederzeit aussteigenTORNERANNO I PRATI / Die Wiesen werden blühen

Termine, Veranstaltungsorte, weitere Infos

http://www.cinema-italia.net/

Die Filme im Detail

BUONI A NULLA / Pechvögel

Buoni a nulla Plakat
Regie: Gianni Di Gregorio
Drehbuch: Gianni Di Gregorio, Pietro Albino Di Pasquale
Kamera: Gogò Bianchi
Schnitt: Marco Spoletini
Ausstattung: Susanna Cascella
Musik: Enrico Melozzi
Produktion: Angelo Barbagalo fuer BiBi Film
Darsteller: Gianni Di Gregorio (Gianni), Marco Mazzocca (Marco), Valentina Lodovini (Cinzia), Daniela Giordano (Marta), Gianfelice Imparato, Marco Messeri, Camilla Filippi, Anna Bonaiuto

Italien 2014, 87 Minuten, OmU

Handlung

Gianni Basani ist ein echter Pechvogel. Gerade möchte er seinen wohlverdienten Ruhestand antreten, da setzt die Regierung das Renteneintrittsalter herauf. Nun muss Gianni drei Jahre länger arbeiten und wird zudem aus seiner Dienststelle im Zentrum Roms in einen hypermodernen Büroklotz am Stadtrand versetzt. Damit nicht genug: seine Ex-Frau will ihn aus der Wohnung drängen, seine Nachbarin ist eine unausstehliche alte Hexe, die Kollegen und die Chefin im neuen Büro behandeln ihn von oben herab. Einziger Lichtblick ist sein neuer Mitarbeiter Marco, genauso ein gutmütiger Pechvogel wie er selbst, der unglücklich in die schöne Kollegin Cinzia verliebt ist und sich von ihr ständig ausnutzen lässt. Aber irgendwann reicht es! Man müsste sich wehren! Gianni und Marco beschließen, wütend und gemein zu werden, um sich Respekt zu verschaffen. Mit ungeahnten Folgen…

Foto: Fabrizio Di Giulio
Foto: Fabrizio Di Giulio

Multitalent Gianni Di Gregorio ist durch seinen Überraschungshit Il pranzo di ferragosto/Das Festmahl im August noch in allerbester Erinnerung. Nun ist ihm als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller abermals eine charmante und unterhaltsame Komödie gelungen, in einem ganz eigenen Stil irgendwo zwischen Nanni Moretti und Jacques Tati. Giannis Rebellion zuzusehen ist befreiend – und sehr lustig.

Das sagt der Autor

„Ich war immer einer von denen, die um des lieben Friedens willen die Entscheidungen der anderen akzeptieren, die kopfschüttelnd alles hinnehmen und einfach nicht nein sagen können. Oft habe ich darüber nachgedacht, wie ich das wohl ändern könnte. Mit diesem Film wollte ich herausfinden, ob man, wenn man sich wirklich anstrengt, wirklich seinen Charakter ändern und sich dazu zwingen kann, zu reagieren, um sich der Welt von heute anzupassen, in der jeder ein Aufsteiger und Gewinner sein muss. Aber ich habe wohl keine Antwort gefunden. Wenn das Leben nur nicht so kompliziert wäre.“ Gianni Di Gregorio

Das sagt die Kritik

Buoni a nulla

Ein Film in gewollter Einfachheit, direkt und unterhaltsam. Gianni Di Gregorio erbringt hier endgültig den Beweis, dass er zu den interessantesten Regisseuren der neuen Generation gehört – obwohl er die Sechzig schon lange überschritten hat.Francesco Mangiò, filmovie.it

Da ist er wieder: Gianni, der Prototyp des freundlichen, schüchternen und etwas verängstigten Mannes, der sowohl in der Familie als auch bei der Arbeit zwangsläufig das Opfer jeder Schikane wird. Der von Di Gregorio selbst verkörperte Protagonist aus Pranzo di ferragosto und Gianni e le donne taucht hier wieder auf und macht mit Buoni a nulla somit die Trilogie komplett. Buoni a nullaEine liebenswürdige Komödie mit entschieden komischen Zügen und ohne die Melancholie der vorigen Arbeiten des Regisseurs. Buoni a nulla ist zudem ein Film, der die Stadt Rom zur Protagonistin macht. Trotz des im Stil von Jacques Tati dargestellten Verkehrs und Parkplatzmangels, will Gianni sein Büro im Herzen der Hauptstadt nicht verlassen und kann sich mit den modernen Bauten der Vorstadt nicht anfreunden, in die es verlegt wird. Der Kontrast zwischen diesen beiden Stadtmodellen ist offensichtlich und bekommt eine komische Funktion. In Buoni a nulla ist Rom nicht nur eine einfache Hintergrundkulisse, sondern erhält eine vordergründige Wichtigkeit, wodurch die Stadt selbst zu einer Figur des Films wird.Franco Montini, la Repubblica

Foto: Fabrizio Di Giulio
Foto: Fabrizio Di Giulio

Gianni Di Gregorio (*1949, Rom) Nach dem Diplom in Regie und Schauspiel macht er seine ersten Erfahrungen am Theater, bevor er in den Achtzigerjahren zum Film kommt, wo er als Assistent für Regisseure und Autoren tätig ist. Unter anderem arbeitet er mit Matteo Garrone zusammen und wirkt am Drehbuch für Gomorra mit. Sein Regiedebüt hat er 2008 mit der Komödie Pranzo di ferragosto. Es folgen Gianni e le donne (2010) und Buoni a nulla (2014). In seinen Filmen spielt er immer auch die Hauptrolle.


CHE STRANO CHIAMARSI FEDERICO / Federico

Federico Plakat
Regie: Ettore Scola
Drehbuch: Ettore Scola, Paola Scola, Silvia Scola
Kamera: Luciano Tovoli
Schnitt: Raimondo Crociani
Ausstattung: Luciano Ricceri
Musik: Andrea Guerra
Produktion: Paypermoon, Palomar, Istituto Luce-Cinecittà
Darsteller: Tommaso Lazotti (der junge Fellini), Maurizio De Santis (der alte Fellini), Giulio Forges Davanzati (der junge Ettore Scola), Ernesto D’Argenio (Marcello Mastroianni), Sergio Rubini, Vittorio Viviani, Antonella Attili

Italien 2013, 93 Minuten, OmU

Handlung

„Scola erzählt Fellini“, so heißt der Untertitel dieses Films. Und in der Tat spricht Ettore Scola, selber einer der Großen des italienischen Kinos, auf sehr persönliche Weise von seinen Erinnerungen an diesen einzigartigen Regisseur und Künstler. Zum 20. Todestag Federico Fellinis entstand so ein außergewöhnliches filmisches Porträt aus Erinnerungen, Fragmenten, in Cinecittà gedrehten Spielszenen, Archivmaterial und Ausschnitten aus Fellinis berühmten Filmen. Scola stellt die ersten Jahre von Fellinis Karriere in den Mittelpunkt: seine Ankunft in Rom, die Anfänge als Karikaturist bei einer bekannten Satirezeitschrift (wo er auch Scola kennenlernte) bis zu seinem Start als Autor und Regisseur für das Kino. Von seinem Debüt als junger Zeichner im Jahr 1930 bis zu seinem fünften Oscar im Jahr 1993 wird Fellini von Scola als ein großer Pinocchio erinnert, der zum Glück niemals „ein guter Junge“ geworden ist. Ein Film für alle, die Fellini und das Kino lieben.

Das sagt der Autor

FedericoIn diesem Film erzähle ich von meinem Federico Fellini, als würde ich in einem Album voller Erinnerungen blättern. Bei der Vorbereitung hierzu habe ich, nachdem ich seit fast zehn Jahren an keinem Film mehr gearbeitet habe, eine lange und häufig nicht ganz einfache Auswahl getroffen, viel Material gesichtet und viele Erinnerungen gesammelt, um schließlich die auszuwählen, die Fellini, so wie ich ihn kennengelernt habe, am besten repräsentieren. Che strano chiamarsi Federico ist ein Film, der bewusst auf eine lineare Struktur verzichtet. Er ist ein wenig kubistisch, ohne chronologische oder narrative Reihenfolge, aber dafür folgt er gewissermaßen einer emotionalen Ordnung. Und ich hoffe, dass diese Emotionen auch den Zuschauer ergreifen. Ettore Scola

Das sagt die Kritik

Federico 4Ein nicht katalogisierbarer Film, halb Dokumentation, halb Fiktion. Che strano chiamarsi Federico ist eine Hommage an den großen Regisseur von La Dolce Vita zu seinem zwanzigsten Todestag, aus einem geglückt intimen Blickwinkel. Man könnte ihn als ein Tagebuch betrachten, mit dem man sich zurückerinnert, die Wiedererweckung eines vergangenen Italiens und einer verlorenen Jugend, ein Umherschweifen der Kunst und des Lebens auf dem roten Faden einer gemeinsam erlebten Geschichte, eine Liebeserklärung. Realisiert wurde all das durch die Zusammensetzung von Archivmaterial und neu gedrehten Szenen, in denen die vergangene Zeit durch Karikaturen, Skizzen und Fragmente zum Leben erwacht. Es beginnt in der Redaktion der Wochenzeitung, in der sich der junge Federico (Fellini) und der junge Ettore (Scola) kennenlernen und einen einfühlsamen Dialog beginnen, der, wie dieser auf den Nahtstellen der Träume aufbauende Film verdeutlicht, bis heute andauert.

Alessandra Levantesi, La Stampa

Federico 2Dies ist die Hommage eines großen Regisseurs an einen großen Regisseur, ein Liebesbrief und Freundschaftsbeweis nicht nur an einen hochverehrten Künstler, sondern auch an eine Vorstellung vom Film (und von Italien?), die auf dramatische Weise aus der Mode gekommen zu sein scheint. Es gab viele Vorbehalte, dass Che strano chiamarsi Federico ein durch und durch nostalgischer Film werden würde, aber er ist viel mehr als das. Scola ist es gelungen, die Schemata des biografischen Dokumentarfilms zu sprengen und eine vielschichtige Arbeit zu kreieren, in der sich Archivmaterialien mit der reinsten und poetischsten Erfindung verbinden. Das Ergebnis ist fabelhaft, eine kurze Reise in die Welt Fellinis (und Scolas), die uns zum Lachen und Weinen gleichermaßen anregt.

Alberto Crespi, L’Unità

FedericoEttore Scola (*1931, Trevico/Avellino) beginnt nach dem Krieg bei dem Satiremagazin Marc’Aurelio zu arbeiten und macht sich einen Namen als Drehbuchautor. Sein Regiedebüt erfolgt 1964 mit Se permettete parliamo di donne. Unter seinen Komödien der Siebzigerjahre stechen Dramma della gelosia (1970), C’eravamo tanto amati (1974), Brutti, sporchi e cattivi (1976) und Una giornata particolare (1977) besonders hervor. 1980 gewinnt er mit La terrazza das Festival von Cannes. Es folgen Il mondo nuovo (1982), Ballando ballando (1983), La famiglia (1987) und Che ora è (1989). Mit Che strano chiamarsi Federico kehrt er nun, fünfzehn Jahre nach seinem letzten Film Gente di Roma (2003), zurück zum Kino.


I NOSTRI RAGAZZI / Unsere Kinder

Nostri ragazzi Plakat
Regie: Ivano De Matteo
Drehbuch: Valentina Ferlan, Ivano De Matteo, nach einem Roman von Herman Koch
Kamera: Vittorio Omodei Zorini
Schnitt: Consuelo Catucci
Ausstattung: Francesco Frigeri
Musik: Francesco Cerasi
Produktion: Marco Poccioni, Marco Valsania für Rodeo Drive
Darsteller: Alessandro Gassman (Massimo), Giovanna Mezzogiorno (Clara), Luigi Lo Cascio (Paolo), Barbora Bobulova (Sofia), Rosabell Laurenti Sellers (Benny), Jacopo Olmo Antinori (Michele), Lidia Vitale, Antonio Salines, Roberto Accornero, Sharon Alessandri

Italien 2014, 92 Minuten, OmU

Handlung

Zwei ganz unterschiedliche Brüder: Paolo ist ein angesehener Kinderchirurg, Massimo ein erfolgreicher, aber rücksichtsloser Anwalt. Einmal im Monat treffen sie sich mit ihren Ehefrauen Clara und Sofia in einem Luxusrestaurant zum Abendessen, obwohl sie sich eigentlich nichts zu sagen haben. Ihre jeweiligen Kinder, Paolos Sohn Michele und Massimos Tochter Benny, beide im Teenageralter, gehen oft gemeinsam auf Partys. Eines Nachts zeichnet eine Überwachungskamera auf, wie zwei nicht ganz klar identifizierbare Jugendliche auf der Straße eine Obdachlose mit Tritten und Schlägen misshandeln. Die Frau fällt schwer verletzt ins Koma. Die Aufnahmen werden im Fernsehen gezeigt, und schnell gelangen die beiden Paare zu der Überzeugung, dass es sich bei den Tätern um ihre eigenen Kinder handelt. Was nun? Ein erbittertes Ringen um die Wahrheit und die Konsequenzen beginnt… Ein intelligenter und emotional packender Psychothriller mit Starbesetzung, der unbequeme Fragen an unsere Gesellschaft stellt. Beim Festival von Venedig gewann I nostri ragazzi vier Preise und erregte auch international Aufsehen: ein Hollywood-Remake ist bereits in Vorbereitung.

Das sagt der Autor

Familiengeschichten haben mich schon immer fasziniert, weil sie im Kleinen die Gesellschaft abbilden, in der sie sich zutragen.Nostri ragazzi 3 Meine vorigen Filme, La bella gente und dann Gli equilibristi, handelten davon, was passiert, wenn das Leben einer scheinbar ganz normalen und glücklichen Familie durch das Eindringen eines externen Faktors einen Riss bekommt. Mit I nostri ragazzi hingegen wollte ich noch einen Schritt weiter gehen und die Folgen zeigen, wenn die Explosion direkt aus dem Kern der Familie selbst kommt. Es ist ein Film über Gewalt, in ihrer versteckten Form, die stets unter Kontrolle gehalten wird, aber plötzlich durch einen Zufall in jedem von uns explodieren kann. Als Vater habe ich mich gefragt, bis zu welchem Punkt wir unser Gewissen ignorieren können oder müssen, um unser Glück zu beschützen. Und es besteht wirklich ein tiefgreifender Unterschied zwischen dem, was wir sind, und dem Bild, das wir Tag für Tag von uns aufbauen.

Ivano De Matteo

Das sagt die Kritik

I nostri ragazzi ist schön, interessant, auch wegen seines besonderen Blickwinkels, mit dem er zwei Lebensstile, zwei, wie soll man es nennen, Weltanschauungen beleuchtet. Der gewissenhafte Arzt hat eine gebildete Ehefrau, eine bürgerliche Vorliebe für gute Hausmannskost, den versteckten Überlegenheitskomplex eines Mannes, der sich gerecht, politisch korrekt, ethisch überlegen fühlt. Nostri ragazzi 1Angesichts dieses Paars erscheinen der Bruder und seine Frau wie das Konzentrat weiblicher Oberflächlichkeit und männlichen Aufsteigertums: zu viel Geld, zu viel Luxus, zu viele Statussymbole. Aber anders als erwartet zeigt uns Di Matteo, dass es alles Täuschung ist. Wenn es um wirklich sensible Entscheidungen geht, ist der Moralischste oftmals der, von dem man es am wenigsten erwartet hätte. Der Film beginnt adrenalingeladen, mit einem in eine Tragödie ausufernden Streit unter Autofahrern, lässt das Interesse stetig wachsen und hat ein überraschendes Ende. Dies verdankt er auch der Schauspielleistung von Alessandro Gassmann, der in ausgeglichener Höchstform das innere Drama eines Menschen darstellt, der nicht nur feststellt, seine Tochter nicht zu kennen, sondern auch die ebenso grauenvolle wie unerträgliche Leere dieses Gefühls erfahren muss. Und ebenso Luigi Lo Cascio, der hervorragend die Psychologie eines Mannes verkörpert, der in der Tat seines Sohnes seine eigene egalitäre und fest verbundene Welt in Scherben gehen sieht. Eine Welt, in die das Böse nicht eindringen kann, in der alles immer nur in guter Absicht geschieht.

Stenio Solinas, Il Giornale

Nostri ragazzi 2Ivano De Matteo (*1966, Rom) ist für Theater, Kino und Fernsehen tätig und arbeitet außerdem als Schauspieler. 1993 gründet er die Theaterkompanie „Il cantiere“, ab 1997 entstehen mehrere Kurzfilme, die sich thematisch um die Welt des Fußballs drehen. I nostri ragazzi ist nach Ultimo stadio (2002), La bella gente (2008) und Gli equilibristi (2012) sein vierter Kinofilm.


LA TERRA DEI SANTI / Das Land der Heiligen

Terra dei santi Plakat
Regie: Fernando Muraca
Drehbuch: Monica Zapelli
Kamera: Federico Annicchiarico
Schnitt: Marcello Saurino
Ausstattung: Maria Teresa Padula
Produktion: Kinesis Film, DM Communication
Darsteller: Valeria Solarino (Vittoria), Lorenza Indovina (Caterina), Ninni Bruschetta (Domenico Mercuri), Daniela Marra (Assunta), Tommaso Ragno, Francesco Colella, Piero Calabrese

Italien 2015, 89 Minuten, OmU

Handlung

Ein Mafia-Thriller aus ungewohnter Perspektive, nämlich aus Sicht der Frauen. Kalabrien heute: Caterina ist die Ehefrau des untergetauchten ‚Ndrangheta-Bosses Alfredo und hat ihren Sohn Pasquale für eine Zukunft an der Spitze des Clans erzogen. Ihre jüngere Schwester Assunta hat im Bandenkrieg bereits ihren Mann verloren und sieht ihren Sohn Giuseppe denselben Weg einschlagen. In diese geschlossene Gesellschaft bricht Vittoria ein, eine Staatsanwältin aus Norditalien. Vittoria hat ein Ziel: das Schweigen der Frauen innerhalb dieses patriarchalen Systems zu brechen, das die Grundlage der einflussreichsten kriminellen Vereinigung der Welt bildet. Terra dei santi 2Um den Kampf gegen die ‚Ndrangheta zu gewinnen, ist die einzige Möglichkeit, den Frauen und Müttern die Augen zu öffnen, sie zu zwingen, über die Grenzen ihres inneren Käfigs hinaus zu schauen. Und über dieses blutbefleckte Land hinaus, das einst als das „Land der Heiligen“ bekannt war. Als Nando, Assuntas neuer Ehemann, verhaftet wird, wittert Vittoria ihre Chance.

Das sagt der Autor

Häufig sind Filme über die Mafia und die ‚Ndrangheta nichts anderes als Genre-Filme. So einen Film wollte ich nicht machen. Von Anfang an hatte ich das Bedürfnis, die Geschichte aus den Blickwinkeln der weiblichen Figuren zu erzählen, weil mir das interessanter erschien und so noch nicht dagewesen ist. Der Film ist vor allem eine Untersuchung, eine Reise in eine schmerzerfüllte Realität, in der wir anhand der von den Protagonisten getroffenen Entscheidungen verschiedene Fragen aufwerfen wollen. Fragen, die tiefer gehen als die Fragen, die wir uns bisher über die kalabrische ‚Ndrangheta gestellt haben. Das ist mein Anliegen.

Fernando Muraca

Das sagt die Kritik

Terra dei santi 3Das „Land der Heiligen“ ist Kalabrien. Das war es für die orthodoxen Griechen, die einst hier lebten, und das ist es auf die entgegengesetzte Weise (ein blutbeflecktes Land der Bindungen bis in den Tod) noch heute für diejenigen, die sich, teilweise noch minderjährig, mit einem entsprechenden Initiationsritus der „Gesellschaft“ anschließen. In dieser männlichen Welt der Bosse und Mafiosi dienen die Frauen häufig dem Zusammenhalt von Geschäften, Gefühlen und Beziehungen, über die sie mit archaischer Familienstrenge wachen. Frauen, Mütter, Ehefrauen, Töchter und Schwestern, die jedoch das Potential zu Veränderungen in sich haben: das zeigt Fernando Muracas Debutfilm mit Aufmerksamkeit und Leidenschaft. Das Drehbuch stammt von Monica Zapelli, einer Expertin für diese Themen (man denke nur an Il bellissimo oder I cento passi). La terra dei santi ist ein Wechselspiel aus psychologischer Analyse und intensiver Spannung, das sich zwischen den Regeln der Unterdrückung und des Überlebensdrangs bewegt, ohne dabei jemals effekthascherisch zu werden.

Maurizio Di Rienzo, VivilCinema

Terra dei santi 1Fernando Muraca (*1967, Lamezia Terme), Nach verschiedenen Tätigkeiten im Bereich des Theaters arbeitet er als Drehbuchautor fürs Fernsehen. 2000 debütiert er mit dem Kurzfilm Ti porto dentro. Er ist Regisseur der TV-Serie Indietro nel tempo (2002) und dreht 2004 den Fernsehfilm Nel cuore il mondo, auf den 2008 E’ tempo di cambiare folgt. La terra dei santi ist sein erster Kinofilm.


SMETTO QUANDO VOGLIO / Ich kann jederzeit aussteigen

Smetto Plakat
Regie: Sydney Sibilia
Drehbuch: Valerio Attanasio, Andrea Garello, Sydney Sibilia
Kamera: Vladan Radovic
Schnitt: Gianni Vezzosi
Ausstattung: Alessandro Vannucci
Musik: Andrea Farri
Produktion: Domenico Procacci, Matteo Rovere für Fandango, Ascent Film
Darsteller: Edoardo Leo (Pietro), Valeria Solarino (Giulia), Valerio Aprea (Mattia), Paolo Calabresi (Arturo), Libero De Rienzo (Bartolomeo), Stefano Fresi, Lorenzo Lavia, Pietro Sermonti, Neri Marcorè, Sergio Solli

Italien 2014, 100 Minuten, OmU

Handlung

Pietro Zinni, 37, genialer Neurobiologe, verliert wegen Kürzungen seine Stelle an der Universität. Aber was soll einer tun, der sein Leben lang nur studiert und geforscht hat? Vielleicht dies: eine kriminelle Vereinigung gründen, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Pietro rekrutiert die besten unter seinen ehemaligen Kollegen, die ebenfalls gefeuert wurden und nun am Rand der Gesellschaft ihr Dasein fristen. Die Experten für Semiotik, lateinische Inschriften, Archäologie, Makroökonomie, Chemoinformatik und Anthropologie erweisen sich als überraschend geschickt darin, einen Amateur-Drogenring aufzuziehen. Smetto 1Eine selbstgebastelte neue Partydroge findet in den hippen Nachtclubs Roms reißenden Absatz. Bald schwimmen Pietro und seine Kumpane im Geld. Aber je größer das Business, desto größer auch die Probleme… Mit rasantem Tempo, witzigen Dialogen und tollen Schauspielern überzeugt diese freche Satire auf das Schicksal der italienischen Mittelklasse in Zeiten der Wirtschaftskrise. Der Debutfilm des jungen apulischen Filmemachers Sydney Sibilia war einer der größten Hits bei Publikum und Kritik im letzten Jahr. Breaking Bad plus Ocean’s Eleven plus eine Prise Quentin Tarantino auf italienisch.

Das sagt der Autor

Die Idee für den Film entstand vor einigen Jahren, als Reaktion auf die Etatstreichungen an den Universitäten, derentwegen unzählige Wissenschaftler auf einen Schlag mit gerade einmal vierzig Jahren ohne Zukunftsperspektiven dastanden. Es ist paradox. Smetto 2Die besten Köpfe des Landes kommen aufs Abstellgleis. Aber was wäre, wenn sie ihr Wissen einfach auf eine andere Weise nutzen würden? Smetto quando voglio ist eine bittere Komödie, eine Parodie, in der das soziale Drama Teil der Komik wird.

Sidney Sibilia

Das sagt die Kritik

Smetto 3Endlich kommt die wahre Komödie über die Krise auf die Leinwand! Smetto quando voglio ist ein Film, der einen Gang zulegt. Er handelt von Leuten in den Dreißigern, einer vom italienischen Kino sonst eher verachteten Generation. Mit deftigem Witz erzählt er von sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Flucht, Erniedrigung oder die Unterbewertung der begabtesten Köpfe des Arbeitsmarktes. Der junge Sidney Sibilia, bereits als Kurzfilm-Regisseur hochgeschätzt, präsentiert uns hier eine Komödie, die er wie einen Actionfilm gedreht hat: mit energiegeladenem Stil, schnell, „hochgetuned“. Der Film ist gut durchdacht und hat einen irrsinnigen Rhythmus. Und er zeigt hervorragende Schauspielerleistungen, ganz ohne die üblicherweise vorherrschenden Comedy-Stars.

Alberto Crespi, L’Unità

Ein Film mit Inhalt, mit erstklassiger Besetzung, einem durch und durch gelungenen Drehbuch! Und man beachte den Verzicht auf all die ausgelutschten Stereotype, die man sonst üblicherweise in Filmen über junge Leute findet. Humorvoll bis zu einem gewissen Punkt geht es um das Drama einer in der aktuellen Krise verlorenen Generation, dabei überwiegt jedoch die Freude an einer kuriosschrägen Geschichte, die einen packt und nicht mehr loslässt.

Maurizio Porro, Corriere della Sera

Smetto 4Sidney Sibilia (*1981, Salerno). Schon seit seiner Kindheit ein Kinofan, arbeitet er zunächst als Werbetexter in Mailand, bevor er seine ersten Kurzfilme dreht: Iris Blu (2005), Noemi (2007) und Oggi gira così (2010). Er ist ebenfalls als Regisseur von Werbespots tätig und präsentiert nun mit Smetto quando voglio seinen ersten abendfüllenden Spielfilm.


TORNERANNO I PRATI / Die Wiesen werden blühen

Torneranno Plakat
Regie: Ermanno Olmi
Drehbuch: Ermanno Olmi
Kamera: Ermanno Olmi
Schnitt: Paolo Cottignola
Ausstattung: Giuseppe Pirrotta
Musik: Paolo Fresu
Produktion: Cinema Undici, Ipotesi Cinema
Darsteller: Claudio Santamaria (Offizier), Alessandro Sperduti (junger Oberleutant), Francesco Formichetti (Hauptmann), Andrea Di Maria, Camillo Grassi, Niccolò Senni, Domenico Benetti, Andrea Benetti, Andrea Frgo, Franz Stefani, Igor Pistollato

Italien 2014, 80 Minuten, OmU

Handlung

Am Anfang sind nur Stille und Schnee und das Licht des Mondes auf einer Hochebene. Der friedliche Anblick erweist sich jedoch als trügerisch, wir befinden uns an der Frontlinie in den italienischen Alpen während des Ersten Weltkriegs. Gerade herrscht Waffenruhe, ein Soldat singt für die eigene Einheit, für die Feinde und für sich selbst. Die Soldaten sind krank, verletzt und erschöpft. Der Vorstellung vom eigenen Tod begegnen sie eher mit Resignation als mit Angst. Torneranno 1Die Schüsse rücken wieder näher. Es werden Befehle erteilt, die ein sicheres Sterben bedeuten. Ein Kamerad erschießt sich, bevor ihn draußen der Feind niederstreckt. Das Artilleriefeuer zwingt die Soldaten zum Rückzug. Zurück bleiben die Gefallenen, nur notdürftig bestattet im tiefen Schnee. Die eindrucksvollen Aufnahmen zeigen die Schönheit der Natur als verlorene Idylle und vermitteln einen Eindruck von der Verlorenheit der Soldaten. Ermanno Olmi, einer der großen Altmeister des italienischen Kinos, erzählt von der Sinnlosigkeit des Krieges und berührt mit einem universellen Humanismus, der weder auf Religion noch auf Ideologien zurückgreift. (Katalog Berlinale)

Das sagt der Autor

Der Film ist meinem Vater gewidmet, der Infanterist im ersten Weltkrieg war. Er war neunzehn Jahre alt, als er eingezogen wurde. Mein Vater fand sich in dem Gemetzel im Karst und an der Piave wieder, was seine Jugend und den Rest seines Lebens zeichnen sollte. Ich war noch ein Kind, als er mir und meinem älteren Bruder vom Schmerz des Krieges erzählte, von jenen schrecklichen Augenblicken, wenn man auf den Befehl zum Angriff wartet und weiß, dass einen dort am Rande des Schützengrabens der Tod erwartet.

Ermanno Olmi

Das sagt die Kritik

Torneranno 2Der Titel von Ermanno Olmis wunderschönem Film Torneranno i prati ist alles andere als tröstend gemeint. Voller Bitterkeit spielt er auf die Geschichte der vielen tausend unter dem Schnee begrabenen Opfer des Ersten Weltkriegs an, die schnell vergessen wurden, sobald Gras über sie wuchs, das heißt, als wieder Frieden herrschte. Zusammen mit diesen Toten erweckt der Film das Grauen eines Krieges zum Leben, der so ungerecht und inakzeptabel war alle Kriege: dies ist die starke und radikale Botschaft eines Altmeisters des italienischen Films, der mit Torneranno i prati eine Art traumähnliche Fantasie auf die Leinwand bringt. Im fahlen Mondlicht, das jedem Ding in einem metaphysischen Schwarz-Weiß seine Farbe nimmt, erschafft er einen bewegenden Appell gegen die Schlachtfelder und die Mächtigen.

Alessandra Levantesi, La Stampa

Ein verhältnismäßig kurzer Film von knapp 80 Minuten, aber von einer beeindruckenden menschlichen Reichweite. In seiner ihm eigenen religiösantimilitaristischen Art schildert der 83-jährige Regisseur die Nacht in einem Vorposten italienischer Soldaten an der Front während des harten und blutigen Winters 1917. Torneranno 3Auf eine konventionelle Handlung verzichtet Olmi, um auf die eindringlichste Weise einen menschlichen Zustand zu beschreiben, der eine Ewigkeit anzudauern scheint: das Warten in nackter Angst, das gleichzeitig von dem unwirklichen Staunen über die flüchtigen Erscheinungen der Tiere in der unberührten Naturkulisse kurzzeitig gemildert wird. Bis das Kommando anordnet, einen neuen Vorposten auf der Spitze des Berges zu errichten, und sich die Soldaten im hellen Mondlicht dem gnadenlosen feindlichen Angriff stellen müssen.

Valerio Caprara, Il Mattino

Torneranno 4Ermanno Olmi (*1931, Bergamo), Kind einer bäuerlichen Familie, nähert sich dem Film in den Fünfzigerjahren, indem er Dokumentarfilme für die Elektrofirma EdisonVolta dreht. Nach seinem erster Spielfilm Il tempo si è fermato (1959) gründet er die Produktionsfirma „22 Dicembre“, um sich ganz dem Kino zu widmen. 1978 gewinnt er mit L’albero degli zoccoli das Festival von Cannes. Lunga vita alla signora (1987) und La leggenda del santo bevitore (1988) werden in Venedig mit dem ersten Preis ausgezeichnet. 1982 gründet er die Filmschule „Ipotesi Cinema“. Unter seinen neueren Filmen sind Il mestiere delle armi (2000), Centochiodi (2005) und Il villaggio di cartone (2011) besonders nennenswert.

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